Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Das ist aber noch gar nichts, jetzt wird’s richtig teuer: Da ich bisher meine Miete selbst bezahlen mußte, war ich interessiert daran, daß sie schön billig bleibt. So habe ich mit meinen wechselnden verzweifelten Vermietern circa siebzehn Prozesse geführt und durch wundersame geniale Einfälle meines Anwalts alle gewonnen, das heißt, ich zahle immer noch die Miete von 1979, und das am Südstern, einer Kreuzberger Wohngegend, nach der sich alle Juppies der Stadt die Finger lecken. Vorne ist der blühende Hasenheide-Park mit allen Drogen dieser Welt, hinten die Radfahr-, Boule- und Wanderstrecke am Landwehrkanal, und am 1. Mai haben wir die schönsten Straßenschlachten. Und das alles, ich will Sie ja nicht neidisch machen, aber ständiges Kämpfen lohnt sich halt: für 90 Euro.
Nach Schröders Rede habe ich mich mit meinem Vermieter zum ersten Mal freundlich unterhalten. Ich bekomme eine Heizung, endlich einen Balkon und eine vernünftige Schallisolierung, so daß ich meine geliebten Callas-Arien in Konzertlautstärke hören kann, ohne daß meine Nachbarn aus dem Bett fallen. Die neue Miete wird 350 Euro betragen und vom Sozialamt bezahlt werden. Das heißt, statt an mir zu sparen, muß der Staat für mich sogar 200 Euro mehr ausgeben, aus purer Bosheit. Das ist die gegenwärtige Gesetzeslage. Natürlich werden sie schnell die Gesetze ändern, aber damit noch mehr Unmut erzeugen.
Und da es mir nicht alleine so geht, kann man jetzt schon ausrechnen, daß Hartz IV nicht nur mathematisch in die Hose geht, sondern daß die herrschende Klasse sich etwas einhandeln wird, wovon sie im Unterschied zu Italien und Frankreich fünfzig Jahre lang verschont geblieben ist: eine nachhaltige, unversöhnliche, radikal antikapitalistische gewaltbereite Massenbewegung. Wie hieß es immer so schön in den Sonntagsreden der Politiker: »Der soziale Frieden in unserem Lande ist unser höchstes Gut!« Tja, hätten sie das mal selber ernst genommen! Jetzt ist es zu spät. Denn soweit es an mir liegt, und wie gesagt, ich bin ja nur einer unter Millionen, läßt sich heute schon sagen: Die 50 Milliardäre und die eine Million Millionäre dieses Landes, also diejenigen, für deren Vermögenssteigerung an mir gespart werden soll, werden für diese miesen kleinen Einsparungen am Ende bezahlen: Der Preis wird ihre Abschaffung sein.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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