Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Fassen wir zusammen: Noch bevor irgendetwas beschlossen war, noch bevor auch nur ein Cent an meiner Person eingespart war, hatte Bundeskanzler Schröder schon etwas erreicht: Er hatte einen friedlichen, sozial integrierten linken Literaten in einen unversöhnlichen, mordgierigen, existenziell haßerfüllten Todfeind verwandelt. Ich wurde ganz krank, man attestierte ein neuartiges »Arbeitslosensyndrom« an mir, und ich mußte zur Kur, was unser Sozialsystem mal eben 9000 Euro kostete. Und alles ohne daß ein Cent eingespart wurde.
Wenn ich mir vorstelle, daß ich nichts Besonderes bin, daß sich ganz dasselbe derzeit in Millionen Seelen abspielt, dann wage ich folgende Prophezeihung: Schröder wird nicht im Bett sterben! Selbst wenn er niemals im Leben nach Bagdad fährt. Er macht sich gerade seinen eigenen Irak hier in Berlin. Die Zeichen sind überall, auf dem verbotenen Buchumschlag des Schrödermörder-Krimis und in der Ohrfeige, die ihm ein Lehrer versetzt har. Ich an Schröders Stelle würde momentan ganz schön Angst kriegen.
Wenn ich also ab Januar von 345 Euro leben soll, muß ich sehen, wie ich Kosten senken kann: Ich werde schwarzfahren, die GEZ betrügen, den Gaszähler umgehen, bei Karstadt klauen und mich bei Demonstrationen nicht mehr friedlich verhalten. Schon das zusammengenommen wird so viel volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, daß die 150 Euro, die sie an mir einsparen wollten, schon nach drei Monaten für mehr Sicherheit ausgegeben werden müssen, also auch wieder für die Sanierung der Staatsfinanzen fehlen. Denn, wie gesagt, ich bin ja nicht der einzige, der dem Staat an dieser Stelle seinen kleinen sozialen Frieden aufkündigen wird.
Dann werde ich mit ein paar Freunden die Sau rauslasssen. Wir werden die Türen des Arbeitsamts mit Sekundenkleber zupappen, Stinkbomben in Banken werfen, im SPD-Haus Knaller zünden, bei der Zwangsarbeit alle teuren Geräte kaputtmachen, im Sozialamt randalieren und Jauche ins Kanzleramt kippen, kurz: Mein Kinder-Ich, bisher durch Einsicht und Erziehung qualvoll dem Leben angepaßt, wird freigelassen, der immer unterdrückte kleine Anarchist in mir wird ganz neue bösartige Methoden finden, um die Sozialdiebe zu nerven. Täglich zu nerven! Schon im Kindergarten war ich unausstehlich.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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