Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Aus “Ossietzky” 14/2004
In meinem alltäglichen Sozial- und Wirtschaftsverhalten bin ich ein statistisch durchschnittlicher Mensch. Deswegen nehme ich meine Person als Beispiel, um zu untersuchen, was die Hartz IV-Reform ab Januar bei mir bewirken wird.
Da ich früh entschlossen war, als Rebell, Aufputscher und Kabarettist zu existieren, war mir klar, daß mich kein Unternehmer einstellen würde und ich meinen Lebensunterhalt folglich woanders herkriegen mußte. Ich studierte diverse Sozialratgeber und fand, daß ich zwar auf niedrigem Niveau, aber doch abgesichert als Langzeitarbeitsloser durchkommen würde, falls die Gesetze so blieben. Ich fand das in Ordnung, mein Unterhalt kam die Gesellschaft äußerst billig, dafür machte ich Kunst und setzte einige wertvolle Dinge in Gang, womit meine Schuld gegenüber der Allgemeinheit bezahlt ist: Antimilitaristische öffentliche Kunst (Amok), Lesebühnen, Künstlerförderung, Club Existentialiste, Mühsam-Feste. Ich gab also was ich konnte und bekam dafür meine geringen Lebensbedürfnisse erfüllt. Das heißt ich für mein Teil lebte schon jahrelang im Kommunismus…
Da ich zufällig für den Lehrer-Beruf studiert hatte, konnte ich einer Freundin in Cottbus helfen, ihre Arbeitslosenumschulungsklitsche zu etablieren. Dafür mußte sie nämlich, so war ihr hintenrum bedeutet worden, einen West-Lehrer einstellen, um Aufträge zu kriegen. So kolonialistisch ging es damals zu im Osten. Dieser »Grüßwessi« war ich.
Genau 361 Tage lang, genau so wie ich es meinen Schülern im Kurs »Wie melde ich mich korrekt beim Arbeitsamt?« beigebracht hatte, war ich überbezahlter Schuldirektor und eine Zeitlang danach der teuerste Arbeitslose Kreuzbergs. Immer, wenn ich zu meinem Arbeitsberater kam, grinste ich ihn an: »Na, Herr Weber, haben Sie heute eine Stelle als linksradikaler Schulleiter im Angebot?« Die Arbeitslosenhilfe verringerte sich Jahr für Jahr um circa zehn Prozent, jetzt bin ich bei 500 Euro im Monat angelangt, der äußersten Schmerzgrenze. Nach Hartz 4 soll ich ab Januar 345 Euro erhalten. Ich mache mir Sorgen, schlafe schlecht, habe Herzschmerzen, und vor lauter Zukunftsunsicherheit fresse ich zuviel. In den Industriestaaten erkennt man die Armen am Fett.
In derselben Nacht im Herbst 2002, nachdem ich Schröder seine Kampfansage gegen die Arbeitslosen hatte bellen hören, bekam ich zum ersten Mal in meinem Leben Hyperventilationsanfälle und dachte, ich müßte sterben. Der Notarzt beruhigte mich: Das sei normal bei unterdrückter Wut, ich solle aber mal intensiv nachdenken, gegen wen ich denn solche Haßgefühle gerade hätte, daß es mich quasi überschwemmt und autoaggressiv bedroht. Nun, da mußte ich nicht lange überlegen; ich beschloß, mich mehr um Gewerkschafts- und Sozialfragen zu kümmern und mich wieder zu organisieren.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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