Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
10 Jahre Dr. Seltsams “club existentialiste” in Berlin
Von Dr. Seltsam
Die erste typische Mix-Show in der Stadt, eine neue Form, die heute die kleinen Bühnen beherrscht. Pächter des Kreuzclub war der Kreuzberger Computer-Artist und Hofer-Preisträger Werner Vollert. Das große Geschäft wurde im Bunker daneben gemacht, wo auf einer Etage Techno-Rhythmen mit 140 beats per minute liefen, darüber 160 bpm und 200 ganz oben, alles ziemlich verrückt. Eine zeitlang war das Berlins heißester Schuppen, auch der Drogen wegen, die praktischerweise die Türsteher verkauften, so hielt man den Laden sauber.
Der “club existentialiste” als kulturelles Feigenblatt sollte nur französische Weine ab 50 Mark ausschenken und die Eintrittskarten kosteten genauso viel. Das hat allerdings nie ein Gast bezahlen müssen, aber ich dachte, wenn schon Freikarten, dann sind sie mit 50-DM-Aufdruck natürlich viel wertvoller als mit fünf.
Wir begannen mit vertonten Kurzgeschichten aus der Existentialistenzeit, Le Dèsateur von Boris Vian, Piaf-Parodien und geschmacklosen Italosongs von Choucroutes und den Korrekten, der kleinsten Mormonenpunkrockband der Welt”.
In den folgenden superwarmen Sommernächten konnten wir manchmal im Garten feiern und erlebten bezaubernde Shows mit allen Stars der jungen Off-Szene, u.a. Pigor/Eichhorn, deren erste CD war “life aus dem club existentialiste”. Tanja Ries trug damals noch ganz brav dicke Zöpfe und sang Moritaten vom Land.
Sie führte später den Club weiter und brachte die Idee als Tanjas Nachtcafè« in der Kalkscheune zu großem Ruhm. Aus diesem Zweig gingen später “Sonntagsbrandl” und andere Mix-Shows hervor.
Der “club existentialiste” tauchte wieder im Winter im “Chamäleon” in den Hackeschen Höfen auf, wo es hinreißende Monsterprogramme über drei bis vier Stunden gab, einmal eine komplette Musicaltruppe aus Chicago (“Rent Party”), aber leider gab es am Ende mehr Leute auf der Bühne als im Zuschauerraum, weil der Termin: “Sonntag um Mitternacht” einfach snobistisch für das Berliner Publikum lag.
Existentialisten, soviel war klar, sind auf keinen Fall Leute, die Montagmorgen um sieben zur Arbeit gehen.
Die großen Vorbilder im Paris der 40er Jahre wechselten auch ständig die Spielorte, von einem Weinkeller, der leergetrunken zurückblieb über Spelunken und Cafès im Saint Germain bis zum legendären “Club Tabou”. Genauso ist der “club existentialiste” immer auf der Suche nach dem Idealen Auftrittsort: Im Jazzhaus Treptow kam der Schließer um zwölf, Wasserturm und BKA in Kreuzberg, das Voltaire am Thälmannpark verkaufte uns kurzerhand, Knorre und RAW-Tempel in Friedrichshain, irgendwas fehlte immer: Technik, Geld, Getränke, rotes Licht.
Deswegen kommen wir jetzt “Back to the Roots” nach Kreuzberg. Dr.Seltsams “club existentialiste” geht in den totalen Untergrund und sucht sich die passenden Stimmungen nun in wechselnden geheimen Lokalitäten, die man jedesmal am Geheimtelefon erfragen muss (691 99 22).
Einmal wird es hier öffentlich verraten: Der “club existentialiste” feiert seinen zehnjährigen Geburtstag am Freitag im Mal, am 28. Mai 2004, im Theaterraum MOSAIK in der Oranienstraße 34, Eingang im Hof ganz geheim nur über den Fahrstuhl.
Mit dabei sein werden über zwanzig Stars aus zehn Jahren Clubgeschichte.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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