Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30
Erich Mühsam
6. 4. 1878 - 9. 7. 1934
Anlässlich der Neuausgabe 2004 des Buches
“Befreiung der Gesellschaft vom Staat”
Von Dr. Seltsam, Berlin
Erich Mühsam ist in Lübeck aufgewachsen und in Berlin gelandet, ich auch. Er war Kabarettist, Literat, linksradikal und aktiv gegen das Militär, ich auch. Für die Lübecker Mühsam-Gesellschaft darf ich manchmal Preisreden halten und jedes Jahr in seiner Mordnacht treffe ich mich mit Freunden an seinem Grab in Dahlem und ich habe einige Mühsam-Feste initiiert, das verbindet. Aber wie bei Anarchisten üblich, gibt es keinen Papst und kein ZK und keinen offiziellen Sprecher des “Mühsamismus”; so bin ich genau wie jeder andere berechtigt, meine Meinung zur “Befreiung der Gesellschaft vom Staat” zu äußern. Lange Beschäftigung mit Mühsam und das Studium historischer Revolutionen helfen mir dabei, aber jeder hat das Recht, das Buch anders zu verstehen.
Mitte der Siebziger Jahre mußte ich Lübeck fluchtartig verlassen, weil mir bei einer Saalschlacht mit der NPD von dem Nazisaalschutz ein Totschläger in die Manteltasche appliziert worden war und die Gefahr bestand, mit solch einer falschen Anschuldigung ernsthaft in die Mühlen der Justiz zu geraten. Ich kam am Bahnhof Zoo an und fragte die erstbeste Passantin, wo hier die Uni wäre, ich wußte nicht, daß Westberlin sechs Universitäten und zwanzig Hochschulen hatte. So gelangte ich in die Mensa der Technischen Universität in der Hardenbergstraße, wo alle kommunistischen Parteien und Antiquariate wohlsortierte Büchertische führten, ein wahres Universum linker Gesinnung. Hier traf ich, obwohl ich zwanzig Jahre in Lübeck verbracht hatte, zum ersten Mal auf Erich Mühsam.
Das Buch glänzte verlockend reptilien-schwarz zwischen abgegriffenen DDR-Schmökern und zeigte auf dem Titel eine alte schwarzweiß-Fotografie aus dem 19. Jahrhundert, einen hochstirnigen Herrn mit Kneifer, runder Nase und dichtem Vollbart. Wie sich später herausstellte, war das alles andere als Erich Mühsam. Der Gestalter hatte in der Fotogalerie alter Anarchisten danebengegriffen und weder der Drucker noch der Vertreiber hatten es gemerkt. Soviel zum Bekanntheitsgrad Erich Mühsams im Westberlin der Studentenrebellion.
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
Hinterlasse eine Nachricht
Du musst angemeldet sein um einen Kommentar zu hinterlassen.