Das führt zu grotesken Widersprüchen. Während vorne auf der Leinwand gerade der unwegsamste Urwald vorgeführt wird, da stolpere ich blödsinnig die Stufen runter und eine Zuschauerin muß sogar zum Arzt, weil sie sich bei dem Wüstenfilm die Fußenkel gezerrt hat. Manchmal ist es im Zuschauerraum gefährlicher als im Film.

Beim nächsten Film stellt sich automatisch die Frage, die für viele Kinder, die vor Schlangen, Quallen und Spinnen tierische Angst haben, die allererste bedeutet, mit der ein philosophischer Geist geboren wird: Soll es Naturschutz nur für niedliche Tiere geben? Oder auch für welche, die ich nicht mag? Der Zusammenprall von Idee und Wirklichkeit, hier am Potsdamer Platz ist er auf zehn Meter in äußerster Schärfe zu erleben, versuchen sie nur mal, in diesem Kino einen ordentlichen Espresso zu trinken!

Aber nun will ich zum Positiven kommen. Was mich zutiefst gerührt und in jeder Einstellung neu ergiffen hat, ist die ungeheure Anmut der wilden Tiere. Anmut oder Grazie, schreibt Heinrich von Kleist, der Autor, der dazu das Schönste und Tiefste geschrieben hat, entsteht, wo Seele und Bewußtsein in der Bewegung zusammenfallen. Er schreibt das in dem wunderbaren Aufsatz “Über das Marionettentheater”, aber es gilt ebenso für Tiere wie für Puppen. Ich wünschte mir sehr, dass die Autoren von Sprechtexten in Naturfilmen sich auf die Höhe dieser Anschauung begeben würden oder eben einfach das Maul halten wie in dem polnischen Film, der spannende 90 Minuten ohne einen Kommentar auskommt.

Mir als literarischem Menschen dreht sich der Magen um, wenn ich zu intensiven nie gesehenen Naturbildern Sätze aus der Klippschule der menschelnden Tierbetrachtung hören muß wie: “Der Laubfrosch will hoch hinaus.” Oder “nachts am See, wenn geheimnisvolle Stimmen von einer verlorenen Welt erzählen” Und dann setzt brodelnd die Heimorgel ein und spielt Händels Adagio mit Wimmereffekt. Gräßlich! Wie kann es Menschen geben, die den Zauber der Natur fühlen und keinen Sinn für den Zauber von Musik und Literatur haben? Als ob die Natur alleine nicht poetisch genug wäre!

Die Anmut der Ringelnatter, wenn sie vor dem mutigen kleinen Schwimmvogel davongleitet. Der Adler, der einen zu schweren Fisch gefangen hat und ihn einfach nicht totkriegt und der dann schwänzelnd das Weite sucht. Der Hai in seinen eleganten Schwimmbewegungen, fast ohne Hirn, wie wir wissen, nur Nervenknoten in der Muskulatur. Und dann der amerikanische Vorstandsvorsitzende der Elektizitätsgesellschaft in Tiflis, der zuhause Golf spielt und seinen ärmlichen zahnlosen Stromkunden unter dem Stalin-Denkmal so hunderttausendfach überlegen wirkt, ist er nicht auch ein Hai im Wirtschaftsgetriebe, der seine Opfer tötet, im Winter erfrieren läßt um zu Reichtum zu kommen? So viel Anmut könnten also die Menschen haben, wenn sie sich nicht ducken müssen, nicht gezwungen werden, ungeliebte Arbeiten zu verrichten um ihre Stromrechnung zu bezahlen, die politisch und ökonomisch so frei sind wie der amerikanische Globalisierungshai. Alle Menschen, meine ich, nicht nur die 2-3 Prozent, denen momentan die Erde gehört.