Früher konnte man genau an dieser Stelle im Schutz der Berliner Mauer seltene Blumen sehen, riesige Kaninchen und blaue Eidechsen, sogar mal Reiher tanzen im Abenddämmer. Die Mauer stand bekanntlich auf DDR-Gebiet, einige Meter zurückgesetzt, und die West-Berliner Polizei wurde von den Ost-Grenzern regelmäßig in gewohntem Sächsisch von ihrem “Derridorium” verwiesen, wenn sie uns wegen Haschischrauchen im Mauerstreifen verhaften wollte.

Vielleicht haben Sie sogar von der Legende vom Kubat-Dreieck gehört: Genau dieses Stück Boden, wo heute das SONY Dreieck ist, also genau hier, kam im Zuge eines Landtausches im Oktober 1987 zu Westberlin und war den ganzen Sommer vorher staatenlos. Tausende junge Abenteuerer aus aller Welt zogen hierher, bauten Zelte und Hütten auf und führten ein freies alternatives Leben, experimentierten mit Sonnenkollektoren für warme Duschen und Fahrraddynamos zum Betrieb der leider unentbehrlichen Gitarrenlautsprecher. Eine schöne Zeit. Am Ende stürmte die Westberliner Polizei den Platz, - Über 200 junge Menschen flohen über die Mauer, aber in umgekehrter Richtung.

Das ist der Ökofilm, der jedesmal vor meinem inneren Auge abläuft, wenn ich den Potsdamer Platz betrete. Dahinten zwischen Reihe zehn und elf, da stand die Mauer damals.

Jetzt stehen hier die Prachtbauten von internationalen Architekturbüros : Unter Feng-Schui-Gesichtspunkten ist die ganze Potsdamer Platz Anlage eine einzige Katastophe. Diese ganzen spitzen Winkel und konkaven Flächen, die Halbkreise und offenen Treppen, das lädt doch die bösen Drachenwinde geradezu ein zum Verweilen. Kein Wunder, dass die Bahn schon pleite ist. Vielleicht sind SONY die nächsten.

Aber es gibt das Ökofilmfest. Da sitzen die kleinen Kinder mit offenen Mündern und bestaunen die großen Tiere beim Scheißen und Pissen. Boah, ist das gewaltig! Und dann die Fragen: Sind Hunde oder Katzen schlauer, ist mein Hamster farbenblind, kann mein Frosch mich liebhaben? Viel mehr Fragen als sie jeder studierte Biologe beantworten kann. Dieser zauberhafte Umgang mit Kindern ist sicher das Schönste am Filmfest. Und dann kriegen sie selber auch noch was zu Essen, ganz in echt und nicht auf der Leinwand, um auszuprobieren, wie etwa Bitteres schmeckt. Radicchio kennen sie nicht, einige Kinder über 14 dürfen mittags nichts essen weil Ramadan ist und auch Schweinefleisch ist nicht so ganz das Richtige für kleine Muslime. Naja, gut gemeint immerhin von den Spitzenköchen von eurotoques.

Falls diese Probieraktion einige Kinder vom Wohlgeschmack naturbelassener Produkte überzeugt haben sollte und sie dann draußen versuchen, sowas zu kaufen, so ist das hier leider nicht vorgesehen. Im Umkreis von einem Kilometer gibt es hier nichts zu kaufen, was ich freiwillig in meinen Körper hereinlassen würde. Das ewige Problem: Die moderne Großstadt ist in keiner Weise vorbereitet auf eine natürliche Lebensweise.