Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Festrede zur Preisverleihung
Dr. Seltsam für das Ökologie-Filmfestival ECOMOVE im Cinestar im SONY-Center Berlin am 22. November 2003 (1. Preisträger war der Film über einen US-amerikanischen Stromkonzern in Georgien)
Sehr geehrte Damen und Herren Filmmakers aus aller Welt, hochverehrte Preisträgerinnen und Preisträger!
Persönlich freue ich mich ungeheuer, daß ich hier zur Preisverleihung ein paar Worte sagen darf, denn ich bin seit vielen Jahren beim großen Filmfest im Februar akkreditiert, übrigens als Vertreter einer Tonband-Zeitung für Blinde! Lachen sie nicht, auch Blinde wollen Filme erleben und es gibt sogar Erklärungsbänder und Begleitdienste für Blinde und wenn man sieht, was für Filme hier nebenan die Blockbuster abgeben, dann denkt man, dass überhaupt nur noch Blinde ins Kino gehen …
Und jedes Jahr habe ich mit größter Sehnsucht gewünscht, einmal bei einer Preisverleihung ala Hollywood “… and the winner is …” dabei zu sein, diese knisternde Spannung zu fühlen, das ahnungsvolle sich-Bereitmachen der Erwählten, wenn sie ihren Spruch abgeben sollen und stets nur fassungslos stammeln: I thank my Dad and my Mom! und niemals das sagen, was ich eigentlich erwarte:
“… ääh danke danke ich danke ihnen allen und vor allem danke ich ähh den Leuten, ohne die dieser Film überhaupt nicht möglich gewesen wäre, die das ewige Chaos bei mir im Kopf und im Büro immer wieder in Ordnung bringen, ich danke ähh meinem Psychiater und meiner Putzfrau!”
Ich komme also erhitzt aus dem Nachbarbezirk Berlin Kreuzberg hier angeradelt und suche einen Fahrrad-Parkplatz! Machen sie das mal nach: Es gibt am ganzen Potsdamerplatz keinen. Für eine ökologische Lebensweise ist der Potsdamer Platz der denkbar ungeeignetste Ort. Jeder Natur-Film hier ist ein Stück Widerstand. Resistance! Hallo, Ihr alle da draußen, falls ihr ein schönes altes Hollandrad irgendwo rumstehen seht, rotbraun mit einem lustigen Einkaufskorb hintendrauf, das ist meins. Wo ist es, Hilfe? Wahrscheinlich umstandslos entsorgt. Die Rache des privaten Sperrbezirks.
Wir linken Berliner mögen den Potsdamer Platz nicht. Wir wissen, er wurde nur gebaut, damit die Daimler Chrysler AG die nächsten zehn Jahre keine Steuern bezahlen muß und daß unter anderem deswegen kein Geld für Kindergärten und Universitäten mehr in den öffentlichen Kassen ist.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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