Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
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Von Dr. Seltsam und Sabine Lueken
Junge Welt, Feuilleton, Seite 13, 20. Mai 2003
Reinhard Heydrich wurde 1931 unehrenhaft aus der Reichsmarine entlassen (er weigerte sich als deutscher Offizier, eine Admiralstochter zu heiraten, die sich ihm bereits hingegeben hatte). Ein Bekannter brachte ihn nach München zum “Braunen Haus”. Himmler, offenbar etwas begriffsstutzig, hörte nur “Nachrichten-Offizier” und hielt den Funker für einen Geheimdienstmann. Er forderte ihn auf, ihm binnen einer Stunde einen Plan für einen eigenen Nachrichtendienst zu entwerfen. Heydrich ergriff die Chance, bluffte und siegte. Er wurde eingestellt und durfte endlich wieder Uniform tragen.
Er begann mit der systematischen Erfassung der Beamten der Münchner politischen Polizei und ihrer Spitzel in der NSDAP und aller anderen Gegner in und außerhalb der Partei: Der “Sicherheitsdienst”, eine Zigarrenkiste voller Zettel, war geboren. Geld und Karrieren gab es zunächst nicht, und die Mitarbeit bei den Anschmierern galt parteiintern lange als ehrenrührig. Diese Geschichte ist oft erzählt worden, unter anderem von Himmler selbst, um seinen Humor unter Beweis zu stellen. Wie aber aus dieser kleinen Zettelkartei die gefürchtete Mördertruppe wurde, die beim Nürnberger Prozeß insgesamt zur “verbrecherischen Organisation” erklärt wurde, hat bisher noch niemand detailgenau untersucht.
Michael Wildt lehrt an der Uni Hannover und forscht im eleganten Hamburger “Mittelweg”, Reemtsmas Institut für Sozialforschung, wo auch die “Generation des Unbedingten” erschien, ein epochales Werk über das Dachorgan des SD, das Reichssicherheitshauptamt. Dieses Buch ist gerade als günstiges Paperback erschienen und bildet die unumgängliche Vorlektüre für die dreizehn Spezialstudien in diesem neuen, von Wildt herausgegebenen Sammelband: “Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS”.
Der Titel spiegelt genau das Schillern wieder, den mehrfachen Funktionswandel, die Undurchsichtigkeit, die den SD so unheimlich erscheinen läßt. Die “Meldungen aus dem Reich”, wöchentliche Informationsberichte nur für die Augen der NS-Führung, bildeten zunächst die Grundlage der SD-Wirksamkeit. “Meinungsforschungsinstitut”, wie Ohlendorf, Amtschef des RSHA und Einsatzgruppenleiter, über den SD euphemistisch sagte – mit Zugriffsrechten allerdings. Interessant ist die Selbsttäuschung der Informanten, die glaubten, einen direkten Draht zu Hitler zu haben. 1936 erweiterten die SD-Führer Six, Ohlendorf und Höhn diesen organisierten Klatsch zur “Lebensgebietsarbeit”.
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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