Nederlagets brede Grin

von Torsten Weper, Kopenhagen

Artikel aus “Information”/Kopenhagen, Seite 7, 24. Juli 2001

Jeden Sonntag treffen sich die Leute von Berlins undogmatischem Linksflügel zu einem Brunch und bitterem Lachen über sich selber und das Elend der Welt. Ein Mann, der sich Dr. Seltsam nennt, leitet diese “loejerne” (= spaßige Veranstaltung) Kabarett von Torsten Weper Berlin - Sonntag um zwölf. Man muß frühzeitig kommen, um überhaupt einen Platz zu kriegen in “Dr. Seltsams Frühschoppen”. Man setzt sich an einen von den kleinen Cafétischen im Saal, man holt sich ein bißchen Frühstück oder das erste Bier des Tages und dann nickt man den Gästen am Nebentisch zu, weil man sie kennt, genauer gesagt, man hat das Gefühl, man kennt sie. Wir sind ja aus dem gleichen Grund hergekommen, wir wollen lachen. Wir wollen hören von dem Absurden, der Idiotie der Politiker und menschlicher Schwäche. Und nirgends finden wir so unterhaltsame und intelligente Gesprächspartner wie hier in diesem Etablissement: Kalkscheune gleich hinter der Friedrichstraße - auch wenn wir im Saal uns nicht am Gespräch beteiligen sollten.

Wolfgang Kröske alias Dr. Seltsam bestimmt selber die Reihenfolge der Sprecher, und die sechs festen Sprecher kommen gerade auf die Bühne. Sie setzen sich um einen schweren Kneipentisch herum. Stars sind sie eigentlih nicht - Universitäts drop outs, Kindergartenhelfer oder Arbeitslose und dazu auch noch markant schlechter gekleidet als wir - aber sie können Texte lesen. Ihre eigenen.

“Ich bin Kommunist. Ich mache nur Kabarett, um linksorientierte Propaganda vorzuführen, sonst interessiere ich mich überhaupt nicht für Kabarett. Meine Frühschoppen-Kollegen dulden das - und versuchen, mich passiv zu machen durch ihre unpolitischen Alltagsgeschichten”; stellt Wolfgang Kroeske, der “Doktor” genannt wird, fest. Es ist Montag, der Tag nach dem Frühschoppen. Der Doktor hat seinen Smoking abgelegt und hat einen seiner Kollegen mitgebracht, Jürgen Witte, für ein Interview in einem Café in Kreuzberg. Witte (mopsig): “Der Doktor sieht alles schwarz/weiß. Entweder links oder sonst muß man ja rechts sein”. Doktor: “Entscheidend ist es, dass wir alle wissen, was in Deutshland los ist; Neofaschismus ist dabei, sich auszubreiten und die Jugend nimmt keinen Abstand mehr dazu. Jeder, der nicht dagegen arbeitet, hilft den Neofaschisten, gehört zu werden.”

In Anbetracht dessen, dass der Frühschoppen letztes Jahr sein 10-jähriges Jubiläum gefeiert hat, ist die Diskussion zwischen den zwei Kollegen erstaunlich hart, aber das ist gerade eines der Geheimnisse hinter dieser wöchentlichen Veranstaltung. Der Doktor: “Keiner von uns hat eine Schauspielausbildung, aber das ist gerade mein Credo: Dass wir sieben verschiedene Charaktere sind. Und die pflegen wir, indem wir u.a. auf der Bühne uns streiten.”

“Mal ehrlich gesagt, man ist ja schließlich nicht 24 Stunden am Tag nur immer links, öko und gut. Gelegentlich ist man auch Kaufhauskunde, Matscho (bzw. Tussi), Giftmüllerzeuger, BILD-Leser, Dosentrinker, Fernseher, Beziehungsschwein, Rassist, Ressourcenvernichter. Oder man ist Autofahrer und steht im Stau! Da werde ich zum Tier, zum Doktor Mengele vom Mehringdamm”. (Auszug aus “Stauforschung” Dr. Seltsam)