Philosophie, Jazz, Chanson -
wie passt das zusammen?

Der “Club Existentialiste” macht es vor.

Von Fabian Lindner, Berliner Zeitung, 16. Januar 2001

Ein kleiner Keller, an den Tischen steigt der Zigarettenrauch in Schwaden auf, der Rotwein fließt reichlich. Auf der Bühne singt eine zarte Dame im roten Kostüm zum Klavier Chansons von Jacques Brel. In die Welt und auf die Bühne geworfen muss der Mensch und der Künstler hier immer wieder seine Existenz rechtfertigen - Existenzialismus kommt wieder in Mode.

Anlass dazu gibt Dr. Seltsam alias Wolfgang Kroeske, der den “Club Existentialiste” im Club Voltaire in der Danziger Straße in Prenzlauer Berg betreibt. “Ost und West, Franzosen, Künstler und Diplomaten sollen sich hier treffen”, sagt der Mann, der schwarze Pullover mit Rollkragen wieder salonfähig machen will, der Sartre und Simone de Beauvoir verehrt. Philosophisch-Literarisches soll neben Jazz und Chanson der frankophilen Rebellionsromantik neues Leben einhauchen.

Kroeskes “Frühschoppen” jeden Sonntag in der Kalkscheune an der Friedrichstraße, bei dem seit zehn Jahren Autoren und Kabarettisten auftreten, ist jedes Mal bis auf den letzten Platz gefüllt. Aktionen wie eine 24-stündige Lesung zum 65. Todestag Erich Mühsams auf dem Dahlemer Waldfriedhof oder die Organisation einer antimilitaristischen Jubelparade machen Kroeske zu einem selbst ernannten Kulturrevolutionär, eben zu Dr. Seltsam.

Sein “Club Existentialiste” ist eine Wiedergeburt: Ab 1992 ließ er im Club “Bunker” neben dem Deutschen Theater Kleinkünstler auftreten. “Wir hatten unsere Bühne in einem Raum, der sonst als Sado-Maso-Keller gedient hat. Manchmal hat man die Blutspritzer an der Wand noch gesehen”, erinnert sich Wolfgang Kroeske. Das wirkte wirklich und dramatisch, alle waren begeistert. 1996 war Schluss mit dem “Bunker” und auch mit dem Versuch, tief schürfende Philosophie mit leichter Musik unter einen Hut zu kriegen. Größen wie Tanja Ries und Pigor und Eichhorn haben dort ihre Karriere begonnen.

Seit Oktober 2000 wird wieder hintergründig gewitzelt, Jazz gemacht, Chansons gesungen und ernsthaft diskutiert - eine Mischung, die Kroeske für “mindestens so unterhaltsam” hält “wie ein Schenkelschläger-Kabarett”. Diesmal trifft man sich im Club Voltaire. “Voltaire, der nahe Thälmannpark und der Existenzialimus: 200 Jahre Revolution an einem Ort”. Von so etwas schwärmt Dr. Seltsam.

Und er schwärmt von Corinne Douarre, einer Sängerin aus den Vororten von Paris, die Chansons hasst und sie doch singt. “Mir zuliebe”, sagt Kroeske. Und dann entwickelt Corinne Douarre doch Herzblut, wenn sie Edith Piaf singt, so dass die Zuhörer sich versetzt fühlen in das Frankreich der 50er-Jahre. Oder wenigstens ins Paris von 1968, als Sartre zum Sturm auf die Barrikaden blies.

Club Existentialiste im Club Voltaire, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg, So. ab 21 Uhr.