Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Ulf Mailänder, Ghostwriter und Personal Coach über Dr. Seltsam, abgedruckt in der “Kreuzberger Chronik” vom Oktober 2000 und in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (FAZ) vom 10. Oktober 2000
Die Welt hat es ihm bisher nicht leicht gemacht, er aber der Welt auch nicht. “Warte mal ab” hieß es unisono aus dem Mund von Eltern und Erziehern, “bis Du in die Schule kommst, bis Du einen Beruf hast”. Er hat gewartet, aber seine Widerborstigkeit blieb. Gemildert durch die Trauer, daß die gute alte Zeit der Revolte vorbei ist. Und die gelegentliche Befürchtung, von 300 Mark Rente leben zu müssen, während sein Cousin Joachim Kroeske als Finanzchef der Telekom Milliarden beiseite geschafft hat. Die Erfahrung hat den fast Fünfzigjährigen gelehrt: “Man kommt auch mit wenig Geld gut durch die Welt. Man muß nur das tun, was man wirklich will”.
Als Wolfgang K. 1952 in Lübeck geboren wurde, lag die alte Hansestadt in Trümmern. Seine früheste Erinnerung ist die Frage des Dreijährigen angesichts der zerstörten Petrikirche: “Tante Lina, was ist Atombombe?” Die Kriegsangst war dem Kleinen schon in die Glieder gefahren. Mit der Milchkanne in der Hand lief der Schuljunge täglich über den Vorplatz der ebenfalls zerbombten Marienkirche – und wußte schon, daß sie 300 Jahre lang – bis zur Ablösung durch den Petersdom – die größte Kirche der Welt war. Er stellte sich vor, wie seine Vorfahren mit Kaisern und Päpsten per Du verkehrten. Doch seine Eltern waren als Flüchtlinge in die Stadt gekommen. Sein Vater ernährte als kleiner Bahnbeamter die Familie eher schlecht als recht.
Für den ungezogenen Wolfgang galt zu Hause die Parole: Schade um jeden Schlag, der vorbeigeht. Als er auf dem Gymnasium zum ersten mal sitzenblieb, weil er mit Beinbruch ein halbes Jahr im Krankenhaus lag, hatte er wie später so oft Glück im Unglück: Dank der Kurzschuljahre verlor er keine Zeit. Mit 15 wurde er zum ersten mal von Feldjägern festgenommen, weil er am Tag der offenen Tür bei der Bundeswehr einen Panzer mit Schweineblut bewarf. Wegen fortgesetzter Frechheit musste er das Gymnasium wechseln und mischte in Geesthacht bei der antiautoritären Schülerbewegung mit. Sein untrügliches Gespür für Machtverhältnisse sagte ihm, daß es die Aufgabe der Lehrer sei, ihn durchs Abitur zu schleusen. Im letzten Schuljahr ging er entweder gar nicht zu Schule oder barfuß, aber wenn ihn die Lust packte, schrieb er vierzigseitige Referate aus einem Guß.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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