Das Lachen, mit dem Franziska von Reventlow vor dem ersten Weltkrieg königlich-bayrische Militärparaden in Aufruhr versetzte, inspirierte ihn 1996 zur Gründung von AMOK, der antimilitaristischen Jubelparade, die auf Anhieb 10.000 Leute rund um den Alex auf die Beine brachte, allen voran ein im Rollstuhl sitzender Dr. Seltsam mit dem umgehängten Filmzitat: “My Führer, I can go”.

Aus der “höhnenden Wochenschau”, der Urzelle des Berliner Wortvarietes, entwickelte sich u.a. “Dr. Seltsams Frühschoppen”, der am 10.Oktober dieses Jahres in der Kalkscheune sein zehnjähriges Bestehen feiert. Wer miterlebt hat, wie souverän der Entertainer vor fast 300 Gästen Sonntag für Sonntag durch das stets an aktuellen Politereignissen ausgerichtete Programm führt, kann sich nur wundern, nach welchen Kriterien Fernsehsender ihre Moderatorenposten vergeben.

Seiner Heimatstadt Lübeck ist Dr. Seltsam bis heute durch literarische Forschungstätigkeit verbunden. Die großen Söhne der Stadt – Mühsam, Traven, die Gebrüder Mann – ehrt er durch gelegentliche Aufsätze und hofft “heimlich”, dereinst auch in den Olymp der Unvergessenen aufgenommen zu werden.

Dr. Seltsam fühlt sich vom Atem der Geschichte stets angehaucht. Selbst auf Reisen läßt der ihm keine Ruhe: “Als ich 1989 mit meinem Bruder nach China fuhr, wurde ich zufällig auf dem Tienanmen-Platz Zeuge der größten unangemeldeten Demonstration der Weltgeschichte”. Seine Schubladen quellen über von Manuskripten, die von seltsamen Koinzidenzien handeln. “Geschichtegeschichten” nennt er sie. Ein renommierter Verlag dafür hat sich dieser Tage gefunden. Durch seltsame Fügung, wie sonst.

Ulf Mailänder