Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
Nun war er dreiunddreißig und hatte den falschen Weg eingeschlagen. Mit einer Gruppe sprachbegabter Querulanten, die gerade bei der “tageszeitung” rausgeflogen waren, trat K. im Schauplatztheater in der Dieffenbachstraße auf. “Die höhnende Wochenschau” mit Wiglaf Droste und Klaus Nothnagel wurde zum Erfolg, und 1990 überschritt die Truppe die innerdeutsche Ostgrenze, um vor einer überstürzten Wiedervereinigung zu warnen. Umsonst.
In Kottbus saß im Publikum eine ehemalige Professorin für Marxismus-Leninismus kennen, die ein Umschulungsinstitut für Arbeitslose gegründet und Fördermittel erhalten hatte – mit der Auflage, Westpersonal zu beschäftigen. Sie bot ihm eine Lehrerstelle, er akzeptierte sie unter einer Bedingung: nur als Direktor. So wurde binnen eines Jahres aus dem abgebrochenen Studienreferenten ein wohldotierter “Grüßwessi”, der als Fan der untergegangenen DDR seinen erwachsenen Schülern die Regeln des Kapitalismus erklärte. Doch das bürgerliche Glück währte nicht lange: Im Jahre 1991 wurde einer seiner Schüler, Mike Zerna, in Hoyerswerda mit seinen eigenen langen Haare erwürgt und unter einem LKW begraben. Kroeske flüchtete entsetzt nach Berlin zurück. Er beantragte Arbeitslosengeld und lebt davon bis heute.
Doch während Kroeske auf der Achterbahn des Lebens Berg und Tal durchkurvte, begann fast unbemerkt der unaufhaltsame Aufstieg des Dr. Seltsam. Seit Mitte der Achtzigerjahre verfaßte Kroeske unter dem aus Kubricks Film entlehnten Pseudonym ca. 300 Theater- und Kleinkunstkritiken für taz, Tip & Zitty und schuf sich mit rotzfrechen Bemerkungen eine kleine Fangemeinde. Bei Anhängerinnen der Political Correctness fiel er dagegen schnell in Ungnade – “Schreibverbot für Dr. Seltsam” forderten 1987 einige taz-Frauen. Seiner Entlassung begegnete der Doktor 1989 durch Gründung einer eigenen Gratiszeitung, der R.Z. (Rasant & Zornig), die mit Hilfe einiger Anzeigensponsoren in 20.000 Auflage auf russischem Papier zum Selbstkostenpreis gedruckt und nach 12 Ausgaben eingestellt wurde. 1994 eröffnete er im Bunker am Deutschen Theater den “Club Existenzialiste”.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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