Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
In Geesthacht stand 1970 der erste Forschungsreaktor der Atomindustrie. Eine primitive Anlage, Sicherheitsstandards waren unbekannt. Aus Schabernack hätten die Schüler im Rahmen des Physikunterrichts fast eine Schnellabschaltung durchgeführt, oder sie versuchten sich nichtsahnend ins radioaktive Abklingbecken zu schubsen. Nach dem geschenkten Abi ging er nach Lübeck zurück, eröffnete im Zentrum einen linken Buchladen und betrieb Stimmbildung in der Fußgängerzone durch unermüdliches Anpreisen der “Arbeiterkampf”-Postille. Seine frühe Liebe zum Theater stellte jede peinliche Aufführung im Provinztheater auf die Probe - nichts, was schiefgehen konnte, blieb ihm als Zuschauer erspart.
Nebenher jobbte er auf Werften und in Druckereien. Auf der Travemünder Marinewerft sägte er einmal ein Minensuchboot an – darauf ist er bis heute stolz. Auch Ladendiebstähle “gehörten zu den kleinen Abenteuern des revolutionären Alltags”. Als er eine Streikzeitung jedoch erst nach Wochen in Umlauf brachte, schloss ihn der Kommunistische Bund wegen Faulheit aus. Zu allem Unglück wurde er eines Tages von einem Zuhälter verprügelt. Er lief ins nächste Polizeirevier, um dem politischen Feind einen Übergriff auf seine Person zu melden, aber der Täter hatte die Beamten schon mit einer Flasche Mariacron auf seine Seite gebracht.
Da zog K. zusammen mit seiner damaligen Freundin ins alliierte Westberlin. Daß er zum Studium der Germanistik an der TU landete und nicht an der viel bekannteren FU, verdankte er einem Passanten, den er nach dem Weg zur Uni fragte. Die Professoren an dem kleinen Institut wählte er nach ihrem Unterhaltungswert aus – “Gratistheater” nennt er das heute.
Neben dem Studium tingelte er durch Diskotheken mit Limboshows für Camel-Zigaretten und lernte Preisausschreiben geschickt zu manipulieren. Aus Abneigung gegen das Leben zwischen Studium und Rente blieb gleich er 26 Semester immatrikuliert – bis 1984 ein Drohbrief von der Uni kam. Am Tag der Prüfung zum ersten Staatsexamen richtete er vor lauter Angst mit seinem alten Volvo einen sechsstelligen Blechschaden an. Mit Ach und Krach wurde seine Arbeit über den Spartakusaufstand in Rom schließlich akzeptiert.
Noch einmal versuchte das Schicksal, K. reinzulegen: Die Behörden schickten den angehenden Referendar aus Kreuzberg zum Schuldienst ins ferne Lichtenrade. Vom ersten Tag an hatte er von dem vertrauten Mief aus Reinigungsmitteln, Schweiß und ungelüfteter Nazipsyche die Nase voll. Lehreranwärter K. scheute jedoch die ihm übertragene Verantwortung nicht. Er würfelte im Beisein seiner Schüler die Noten aus und verteilte auch mal eine Eins für einen Legastheniker-Aufsatz. Die Weigerung, sich mit Hilfe der üblichen Tricks zum Träger staatlicher Autorität zu machen, stürzte ihn in eine tiefe Krise. Drei Jahre lang wurde er wegen Magenschmerzen, Schlaflosigkeit und depressiver Verstimmung krankgeschreiben und zum Jahresende 1988 als Beamter auf Probe aus dem Schuldienst entlassen.
heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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