Entertainerphilosoph, Autor und Erfinder des Wortvarietés
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Schweizer Zeitung, Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee, GsoA-Zitig, November 1996
Dr. Seltsam oder wie ich einen Feiertag lieben lernte
Bis zur Wende war Berlin offiziell entmilitarisiert. Die Opposition gegen die Militarisierung durch die Deutsche Bundeswehr hat sich nach 1989 wiederholt zu Wort gemeldet. Die Jubelparade unter dem Motto “Das Volk lacht die Armee aus” war der neuste Streich der Berliner AntimilitaristInnen.
Von Frank Richter, Potsdam
Am 3. Oktober jährte sich zum 6. mal der Tag der deutschen Einheit. Wieder hätte es ein schier unerträglicher Tag werden können, wäre da nicht diese “merkwürdige” Veranstaltung gewesen. Diese Veranstaltung war eine “Jubelparade” unter dem Titel: “Das Volk lacht das Militär aus”. Die Idee dazu war einfach und der Effekt überwältigend.
Warum die Idee einfach war? Es gibt, insbesondere in Berlin, eine lange Tradition solcher verhöhnender Aufzüge, deren Ziel ist, durch Spott die Angst zu lindern, durch Satire auf eine andere Art zum Nachdenken anzuregen und eine Auseinandersetzung mit Inhalten zu transportieren. Letztendlich ging es auch darum, durch viel Spass die Motivation zu steigern und neue Kraft zu schöpfen. Es sei hier nur an etliche Jubelparaden erinnert, die anlässlich von Staatsbesuchen diverser (inzwischen ehemaliger) US-Präsidenten durchgeführt wurden und mir schon damals zu “Mauerstadtzeiten” viel Freude bereiteten. Die Idee war also nicht neu und auch das Militär war immer schon ein Teil des Zieles, auf das der Spott gerichtet war.
Warum der Effekt überwältigend war? Zuerst war da der sogenannte Tag der deutschen Einheit, der in der ohnehin sehr tristen deutschen Feiertagskultur neben dem 20. Juli, dem “Tag des deutschen Widerstands”, den absoluten Gipfel an Alptraumhaftigkeit darstellt. Um so wohler tat die Jubelparade - ermöglichte sie doch sowohl unser antimilitaristisches Anliegen öffentlich zu machen, als auch einen Akzent gegen die landesübliche, bierselige und selbstgefällige Einheitsfeierei zu setzen. Weiter konnte durch den karnevalsähnlichen Charakter das Vermummungsverbot ausgehebelt werden.
Es wurden durch die Jubelfeier auch eine Vielzahl von BürgerInnen erreicht, die sich durch einen Demonstrationsaufzug herkömmlicher Art wohl weniger hätten interessieren lassen. Dadurch brachte dieser Anlass so viele antimilitaristisch bewegte Menschen auf die Strasse wie seit den Kundgebungen zum Golfkrieg nicht mehr.
Ich selbst nahm als katholischer Militärseelsorger an dem Aufzug teil und war Mitglied eines Erschiessungskommandos, welches “einstweilige Erschiessungen” sowohl an eigens mitgebrachten - natürlich langhaarigen - Kriegsdienstverweigerern, als auch an Passanten vollstreckte. Dazu bedienten sich meine Kollegen selbstgebauter Holzgewehre und auch der obligate Trommelwirbel fehlte nicht.
Der anwesende Militärrichter verkündete das Urteil stets unter der Anmerkung, dass gegen den richterlichen Entscheid zwar der Rechtsweg zulässig sei, die Vollstreckung jedoch sofort stattfinde und eingelegte Rechtsmittel keine aufschiebende Wirkung hätten. Meine Aufgabe war, den Verurteilten die Absolution zu erteilen und ihnen den letzten Wunsch zu erfüllen, der natürlich auch bei Nichtrauchern immer aus einer letzten Zigarette bestand.
Ein anderes Kommando kooperierte mit dem unseren dahingehend, dass es einen monströsen, fahrbaren Holzkäfig mitführte, in welchen alle Wehrunwilligen verbracht wurden, um später von uns abgeholt zu werden.
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heißt eigentlich Wolfgang Kröske und ist politischer Kabarettist und Autor.
Von 1984 bis zu seinem Rauswurf 1989 hielt er als Theaterkritiker die rote Fahne bei der „taz” hoch. In der „Wende”-Zeit ein Jahr Schuldirektor in Cottbus. Gründer der legendären Berliner Lesebühne „Dr. Seltsams Frühschoppen”. Organisator politischer Lesungen (besonders zum Werk des von den Nationalsozialisten ermordeten Anarchisten Erich Mühsam). Bestreitet heute an jedem Sonntag als Moderator mit wechselnden Gästen „Dr. Seltsams Wochenschau”. Schreibt regelmäßig für die „Junge Welt”.
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